Medizinisch

Priorisierung nach Dringlichkeit

Organisatorisch

Ressourcen gezielt einsetzen

Ethisch

Verantwortung für das Gesamtkollektiv

Grundlagen der Sichtung

Die Sichtung ist eine der zentralen Kernaufgaben der Katastrophenmedizin. Sie dient dazu, bei einem Massenanfall von Verletzten oder Erkrankten (MANV) oder anderen ressourcenlimitierten Einsatzlagen die verfügbaren personellen, materiellen und zeitlichen Ressourcen so einzusetzen, dass für die Gesamtheit der Betroffenen der größtmögliche medizinische Nutzen erzielt wird. 

Ersteinschätzung, Vorsichtung und Sichtung sind drei aufeinander aufbauende Verfahren der Priorisierung in der präklinischen Versorgung. Die Ersteinschätzung dient der raschen Rückmeldung unmittelbar nach dem Eintreffen an der Einsatzstelle, die Vorsichtung der ersten Priorisierung und Einleitung lebensrettender Sofortmaßnahmen. Die anschließende ärztliche Sichtung erfolgt nach standardisierten Algorithmen, legt die Behandlungs- und Transportpriorität fest und wird im Einsatzverlauf durch regelmäßige Re-Sichtungen überprüft. 

Sichtungsentscheidungen gehören zu den ethisch anspruchsvollsten Aufgaben im Gesundheitswesen. Sie erfordern Entscheidungen unter erheblichem Zeitdruck, häufig bei unvollständiger Informationslage und begrenzten Ressourcen. Anders als im klinischen Alltag kann in einer Katastrophenlage nicht jeder Patient unmittelbar die individuell bestmögliche Versorgung erhalten. Die Priorisierung erfolgt daher ausschließlich nach medizinischen Kriterien und der Wahrscheinlichkeit eines Behandlungserfolgs – unabhängig von sozialen, wirtschaftlichen oder persönlichen Merkmalen. Diese Entscheidungen stellen für Einsatzkräfte eine erhebliche psychische Belastung dar und verdeutlichen die Bedeutung einer fundierten Aus- und Fortbildung sowie klarer Handlungsempfehlungen. 

Um bundesweit ein möglichst einheitliches Vorgehen sicherzustellen, wurden in Deutschland mehrere interdisziplinäre Sichtungs-Konsensuskonferenzen unter Mitwirkung der DGKM durchgeführt. Sie führten zur Definition einheitlicher Sichtungskategorien, standardisierter Entscheidungsalgorithmen und Empfehlungen für verschiedene Einsatzszenarien und bilden heute die Grundlage zahlreicher Landeskonzepte, Ausbildungscurricula und Handlungsempfehlungen. 

Der Sichtungsprozess

Die Versorgung vieler Betroffener erfolgt in mehreren aufeinander aufbauenden Schritten:

Wie funktioniert Sichtung?

Die Sichtung erfolgt anhand standardisierter Algorithmen, die eine schnelle und nachvollziehbare Priorisierung von Patientinnen und Patienten ermöglichen. Grundlage sind wenige, eindeutig beurteilbare Kriterien wie Bewusstseinslage, Atmung, Kreislaufstabilität und offensichtliche schwere Verletzungen. Ziel ist es, innerhalb kürzester Zeit eine Behandlungs- und Transportpriorität festzulegen. 

In Deutschland existieren verschiedene Sichtungs- und Vorsichtungsalgorithmen, die sich hinsichtlich Aufbaus, Zielgruppe und Anwendungsbereich unterscheiden. Mit dem PRIOR hat die DGKM einen bundesweit abgestimmten Vorsichtungsalgorithmus gemeinsam mit dem Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) entwickelt. 

Kein Algorithmus ist in jeder Einsatzlage gleichermaßen überlegen – alle Verfahren besitzen spezifische Stärken und Limitationen. Die DGKM arbeitet daher gemeinsam mit ihren Partnern kontinuierlich an der wissenschaftlichen Weiterentwicklung der Sichtung. Zukünftig werden digitale Sichtungssysteme, standardisierte Datensätze, große Register wie das deutsche MANV-Register sowie Verfahren der Künstlichen Intelligenz dazu beitragen, Sichtungsalgorithmen evidenzbasiert weiterzuentwickeln und die Patientenversorgung im Einsatz weiter zu verbessern. 

Instrumente der DGKM

Die DGKM versteht Sichtung als einen dynamischen und lernenden Prozess. Sie engagiert sich für die wissenschaftliche Weiterentwicklung, Evaluation und praktische Anwendung moderner Sichtungssysteme.

PRIOR®

Etablierter Vorsichtungsalgorithmus für den frühen medizinischen Einsatzabschnitt.

BiA

Erfassung und Steuerung von Betreuungsbedarfen als Ergänzung zur medizinischen Sichtung.

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